Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
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240
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240 Ka P- IX - Die sociale Mechanik. Das Sittliche.

sich im entgegengesetzten Verhältniss zur Raschheit ihrerVerbreitung; ihre Kurzlebigkeit hat sich in unserer Zeitin demselben Masse gesteigert, als die Mittel zu ihrer Ver-breitung durch unsere vervollkommneten Communications-mittel gewachsen sind. Zur Zeit als es noch keine Eisen-bahnen gab, welche täglich Tausende von Kleinstädtern indie grossen Städte bringen und die neuen Moden in Ge-stalt von Modejournalen und Mustern sofort über die ganzeWelt verbreiten, war das Tempo der Mode ein ungleichlangsameres als heutzutage, wo dasselbe eine rapide Ge-schwindigkeit angenommen hat, welche sich zu der früherenverhält wie die heutige Eisenbahn zur alten Reichspost.

Aus dem angegebenen socialen Motiv erklärt sich end-lich auch der dritte charakteristische Zug unserer heutigenMode: ihre vielgescholtene und doch willig ertrageneTyrannei. Die Mode enthält das äussere Kriterium, dassman, wie der Ausdruck lautet, »mit zur Gesellschaft ge-hört«. Wer darauf nicht verzichten will, muss sie mit-machen, selbst wenn er aus ästhetischen oder Zweck-mässigkeitsgründen eine neu aufgekommene Gestaltungderselben noch so sehr verwirft. Eben darauf, dass dieMode die Unterordnung der eigenen besseren Ueberzeugungunter das als verkehrt Erkannte erfordert das sacrifi-cium intellectus in Sachen des Geschmacks und der Zweck-mässigkeit beruht es, dass der Sprachgebrauch ihreHerrschaft ganz zutreffend als »Tyrannei« und diejenigen,die sich ihr willenlos unterordnen, als »Sklaven« der Mode