Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
239
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Sociales Motiv der Mode. 239

Daraus erklären sich die charakteristischen Züge derheutigen Mode. Zuerst ihre Entstehung in den höherenGesellschaftskreisen und ihre Nachahmung in den mitt-leren. Die Mode geht von oben nach unten, nicht vonunten nach oben. Die höheren Kreise sind die »tonangeben-den«, wie es heisst. Ein Versuch der mittleren Klassen,eine neue Mode aufzubringen, würde selbst mit Hülfe nochso wirksamer ästhetischer Motive niemals gelingen, denhöheren würde nichts erwünschter sein, als wenn jene ihreeigene Mode für sich hätten*).

Sodann der unausgesetzte Wechsel der Mode. Habendie mittleren Klassen die neuaufgebrachle Mode adoptjrt,so hat sie aus dem angegebenen Grund ihren Werth fürdie höheren verloren, das Unterscheidungsmerkmal hat auf-gehört es zu sein, wie das Feldgeschrei, das dem Feindebekannt geworden ist, und es bedarf daher eines neuen.Darum ist Neuheit die unerlässliche Bedingung der Mode,wenn sie ihren Zweck erreichen solh Selbst das Häss-liche und Geschmacklose findet um diesen Preis Zutritt,wenn das Schöne sich erschöpft und den Vorzug der Neu-heit verloren hat. Die Lebensdauer der Mode bestimmt

*) Was sie aber gleichwohl nicht abhält, in der Kloake desPariser Demimondethums nach neuen Mustern zu suchen und Modenaufzubringen, welche den Stempel ihres unzüchtigen Ursprungs deut-lich an der Stirn tragen, wie Fr. Vischer in seinem wegen der un-verbauten Art, wie er die Sache beim rechten Namen nennt, viel-getadelten, meines Erachtens aber eben darum höchst verdienstlichenAufsalz über die Mode in Nord und Süd 1878, Bd. 4. S. 365 ff. schla-gend nachgewiesen hat.