238 K fl P- IX. Die sociale Mechanik. Das Sitlliche.
Um das Wesen der heutigen Mode zu begreifen, darfman nicht auf Motive individueller Art zurückgreifen,wie es die bisher aufgeführten sind: Veränderungslust,Schönheitssinn, Putzsucht, Nachahmungstrieb. Es ist zwei-fellos, dass diese Motive sich zu den verschiedensten Zeitenin extravagantester Weise an der Gestaltung der Kleidung,und zwar in erster Linie der weiblichen versucht haben,sie haben den Satirikern aller Cullurvölkcr von jeher denreichsten Stoff dargeboten. Aber die Mode in unseremheutigen Sinne hat keine individuellen Motive, sondern einsociales Motiv, und auf der richtigen Erkenntniss des-selben beruht meines Erachtens das Verständniss ihresganzen Wesens. Es ist das Bestreben der Abscheidungder höheren Gesellschaftsklassen von den niederen oderrichtiger den mittleren; denn die unteren kommen dabeinicht in Betracht, da die Gefahr einer Verwechslung mitihnen sich schon von selbst ausschliesst. Die Mode ist dieunausgesetzt von neuem aufgeführte, weil stets von neuemniedergerissene Schranke, durch welche sich die vornehmeWelt von der mittleren Region der Gesellschaft abzusperrensucht, es ist die Hetzjagd der Standeseitelkeit, beider sich ein und dasselbe Phänomen unausgesetzt wieder-holt: das Bestreben des einen Theils, einen wenn auchnoch so kleinen Vorsprung zu gewinnen, der ihn von sei-nem Verfolger trennt, und das des anderen, durch so-fortige Aufnahme der neuen Mode denselben wiederumauszugleichen.