Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
237
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Die Mode. Ihr Motiv. 237

haben die Römer, selbst auf der höchsten Stufe ihrer Cul-tur, die Mode in unserem heutigen Sinne nicht gekannt.Man hat zwar auch bei ihnen von einer Mode gesprochen*),allein meines Erachtens mit Unrecht. Man verwechseltdabei das allmähliche Aufkommen des Neuen, das Erfindenund das Nachahmen fremder Trachten, von dem uns aller-dings die römischen Schriftsteller zu berichten wissen,mit der Mode. Ich kenne kein einziges Zeugniss, welchesuns die beiden charakteristischen Züge derselben: die Kurz-lebigkeit und die zwingende Macht derselben für die ent-sprechenden römischen Gesellschaftskreise namhaft machte.Keine römische Matrone war, wie es unsere heutige Frauen-welt der gebildeten Kreise in der That ist, genöthigt, dieMode mitzumachen: nicht diejenigen Frauen fielen in Romauf, welche an der hergebrachten Tracht festhielten, son-dern diejenigen, welche sie verliessen, und dass ersteredies vermochten, zeigt, dass es eine Mode in unserem Sinnenicht gab, heutzutage wäre dies unmöglich. Damit ver-trägt sich vollkommen, dass auch das Neue in Rom seinenReiz ausübte, dass der Geschmack, der Schönheilssinn unddie Erfindungskraft des weiblichen Geschlechts in Schmuckund Kleidung sich aufs ergiebigste betbätigte, und dassselbst die althergebrachte Tracht im Laufe der Zeit aller-hand Wandlungen erfuhr. Alles dies hat mit der Mode inunserem heutigen Sinne nichts zu schaffen.

*) Alarquardt. Römische Privalalterthümer, Ahth. 2. Leipzig1867. S. 177.