236 Kap. IV. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
gewonnene Position sofort wieder opfernd und selbst-mörderisch ihr kaum geschaffenes Werk zerstörend. DieChinesen bezeichnen eine gewisse Art der Sitte, die wirdurch »Tagesströmung« wiedergeben können, als Wind(fung)*), die Bezeichnung wäre wie gemacht für die Mode.Worin hat diese seltsame Verirrung ihren Grund ?Offenbar muss derselbe zwingender Art sein. Ist es dieFreude an der Veränderung, der Reiz der Neuheit? Es istja richtig, dass der Mensch die Veränderung liebt, dass ervon Zeit zu Zeit etwas Neues sehen und erleben muss,wenn er frisch bleiben soll, sowie ferner, dass dieser Triebsich mit fortschreitender Gultur steigert. Der Gebildeteist unstäter, veränderungsbedürftiger als der Ungebildete,er verlangt unausgesetzt neue Anregung, neue Eindrücke,wenn ihm das Leben nicht schaal werden soll, und dieserCharakterzug bewährt sich wie bei Individuen, so auch beiVölkern. So könnte man es ja vielleicht erklären, dassdie Volkstracht bei ungebildeten, die Mode bei gebildetenVölkern ihren Sitz aufschlägt. Allein wenn dies der rich-tige Grund wäre, so müssle sich die Mode bei allen Völ-kern auf einer gewissen Culturstufe wiederholen, nnd doch
*j Nach einer Mittheilung, die ich der Güte des SinologenFreiherrn von Gabelentz verdanke. »Die Chinesen kennen dreiAusdrücke für die Silte. Li = gute Sitte, Anstand, Etiquette undreligiöser Cultus wird durch (das gleichlautende, aber völlig andersgeschriebene) li Vernunft, Ordnung erklärt; suk Sitte, mehr im Sinnedes Vulgaren, bandesüblichen im Gegensatz zum Gepflegten, Gebil-deten; fung eigentlich Wind = Sitte, wohl mehr im Sinne des Zeit-oder Nationalgeistes.«