Der Tugendbegriff. 223
auf das Sittliche übertragen, der Menschheit also
nicht angeboren ist.Damit können wir uns hier begnügen. Ob der Stand-punkt, von dem aus das Zweckurtheil gefällt wird, derdes Individuums oder der der Gesellschaft ist, werden wirbei der Kritik der Moralvorschriften ins Auge fassen.
2) Der Tugendbegriff.Tugend ist sprachlich wie sachlich ursprünglich nichtsals Tüchtigkeit, Tauglichkeit für einen gewissen Zweck*),also abermals ein Zweckbegriff. Derselbe findet ebensowie gut und schlecht sowohl auf Sachen wie auf PersonenAnwendung. Der Ausgangspunkt des Begriffs der Tugendim sittlichen Sinne ist auch hier wiederum der im natür-lichen Sinne, d. h. die Tauglichkeit eines Dinges zur Er-reichung eines gewissen Zweckes. Unsere heutige Vor-slellung der Tugend als eines an sich werthvollen undohne alle Rücksicht auf ihre Verwerthbarkeit zu erstreben-den Gutes würde von den Völkern der Urzeit und selbstvorgerückterer Gulturstufen gar nicht verstanden wordensein. In ihren Augen bestand der Werth der Tugend indem, was sich mit ihr im Leben ausrichten Hess. Tugendder alten Normannen war Muth und Verwegenheit im See-raub, Tugend der alten Griechen körperliche Gewandtheit
*) Tugan = taugen, tüchtig sein, alth. tugundi, mitleih, tugent= Tugend. Aehnlich griech. äpcTTj vor der Wurzel ar, wovon dpETaiuich tauge, apiato; der Beste. G. Curtius, Grundzüge der griech.Etymologie, Aufl. 4, S. 342.