Der Gegensatz von gut und böse. 219
Handeln gut im sittlichen Sinne dasjenige, was ihr Daseinfördert oder ihr Wohlsein erhöht, schlecht, böse dasjenige,was demselben Abbruch thut. In beiden Richtungen konntenur die Erfahrung den Menschen belehren, was gut undböse sei — es ist der Baum der Erkenntniss des altenTestaments, von dessen Früchten der Mensch erst essenmusste, um des Unterschieds zwischen gut und böse innezu werden. Wenn nicht jedes Individuum und im Lebender Völker nicht jede Generation erst selber die Erfahrungzu machen braucht, so hat das nur darin seinen Grund,dass beiden die Erfahrungen Anderer zu gute kommen.Aber dass der Mensch seinen Finger nicht ins Licht, dieglühende Kohle nicht in den Mund stecken darf, dass erohne Luft nicht existiren und im Wasser nicht stehenkann, hat er ebenso gut erst lernen müssen, wie die Ge-sellschaft, dass sie bei Mord, Raub, Diebstahl nicht be-stehen kann.
Darum ist es nicht zufällig, dass die Sprache allerGulturvölker sich zur Bezeichnung des sittlich Guten undSchlechten derselben Ausdrücke bedient wie zu der desphysisch Guten oder Schlechten. Die zweite Bedeutungist die ursprüngliche, die erste die übertragene*}. Wo einWort eine sinnliche und eine übersinnliche Bedeutung hat,
*) Die griechische Sprache: äf<-jJ&ii auch [xaXowdY'xftdY. Dielateinische: bonum, malum, davon entlehnt in den romanischenSprachen z. B. ital. buono, bene, il bene, bontä, male, il male, wozunoch cattivo kommt, franz. bon, bien, bonte, mal, mauvais. Diedeutsche: gut, das Gute, Güte, die Güter, schlecht (Wetter, Mensch),