218 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
Nothstande erlaubt. Nicht die Unwahrheit, Täuschung,Verstellung — im Kriege gilt von ihr dasselbe wie vonder Tödtung, hier wird sie als Kriegslist erlaubt und ge-boten. Nicht die Zerstörung fremden Eigenthums — imNothstande, z. B. bei einer Feuersbrunst ist sie erlaubt,ebenso wiederum im Kriege, sofern das Interesse desKriegführenden sie erheischt.
Wo bleibt nun die vermeintliche objective Immanenzdes Guten und Bösen, wenn der Gegensatz sich verschiebtnach den Lagen und Zwecken des Menschen? Nur derUmstand, dass man die regelmässige und normale Ge-staltung der menschlichen Lagen und Zwecke vor Augenhat und darnach sein Urtheil über gut und böse zuschnei-det, konnte die Täuschung bewirken, als ob der Gegen-satz von gut und böse in den Dingen stecke. Den mensch-lichen Zweck hinweggedacht, und die Dinge sind wedergut noch böse, so wenig wie es Both, Blau, Schwarz,Weiss gibt ohne das menschliche Auge, und Süss, Sauer,Bitter ohne die menschliche Zunge — der Gegensatz vongut und böse entspringt lediglich dem Zweck.
Daraus ergibt sich, dass gut und böse oder schlechtim physischen und im sittlichen Sinne auf einer und der-selben Linie stehen. Gut im physischen Sinne nennenwir, was unserm Körper oder unserer Empfindung wohlthut, böse oder schlecht, was uns schadet oder unangenehmberührt. Ganz in derselben Weise nennt die Gesellschaftvon ihrem Standpunkte aus in Bezug auf das menschliche