204 Ka P- IX - Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
alten Sitte hat sich noch vielfach auf dem Lande beiBauernhochzeiten erhalten, wo das ganze Dorf zu Gasteingeladen wird, alle, die man kennt, müssen Zeugen undTheilnehmer der eigenen Freude sein.
Die Ethik bezeichnet das Streben nach Wohlsein alsEudämonismus. Dass der Eudämonismus in Anwendungauf das Individuum nicht ausreicht, das Wesen des Sitt-lichen zu erschliessen, darüber haben wir uns schon obenausgesprochen. Aber den Eudämonismus behalten wir unsals Princip des Sittlichen bei, nur dass wir an die Stelledes Individuums die Gesellschaft setzen. In diesem Sinnebezeichnen wir den gesellschaftlichen Eudämonis-mus als Ziel und treibenden Gedanken der gesammtensittlichen Weltordnung, als Princip des Sittlichen. AllesSittliche, sowohl das objectiv wie das subjectiv Sittliche:die sittlichen Normen wie die sittliche Gesinnung hat dasWohlergehen der Gesellschaft zum Zwecke, das Unsittlichecharakterisirt sich mithin dadurch, dass es dasselbe bedrohtoder beeinträchtigt.
Das Wohl der Gesellschaft? — welch elastischer Be-griff! Was gehört dazu? Buhe, Frieden? Ein kriegerischesVolk findet sein Glück im Kriege, der Frieden ist ihm un-erträglich. Wohlstand, Beichthum, Bildung? Die Südsee-insulaner auf der niedersten Stufe der Gultur erschienenCook als das glücklichste Volk, das er bei seiner Beiseum die Welt gefunden hatte. Mit den Völkern verhält essich nicht anders als mit den Individuen. So wenig man