202 Kap- IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
nach Wohlsein. Ginge letzteres auf in der momentanenBefriedigung, so könnte von einer sittlichen Berechtigungdieses Strebens nicht die Rede sein. Aber im Wohlseinwird die künftige Kraftverwendung, im Genüsse die künf-tige Arbeit vorbereitet — Wohlsein ist für den sittlichenMenschen aufgespeicherte Arbeitskraft. In diesem Sinneist das Streben nach Wohlsein sittlich vollkommen be-rechtigt, es bewährt sich darin das richtige Gefühl für dieBedingungen der menschlichen Kraft. Freude und Heiter-keit bedeuten für die Menschenwelt, was der . Sonnen-schein für die Natur. Anderen Freude zu machen, .dieSumme des Wohlseins in der Welt zu erhöhen, ist daherin sittlicher Beziehung ein gutes Werk (S. 189), mit Kantzu reden: ein »baarer Beitrag zum Weltbesten«. Nichtdahin geht die sittliche Aufgabe des Menschen, wie eineungesunde Askese uns glauben machen möchte, das heitereSonnenlicht zu fliehen, sondern im wonnigen Sonnenscheinsich die Kraft zu erwerben, ihn, wenn die Nacht kommt,entbehren zu können, — was der Schlaf für denKörper, ist die Freude für das Gemüth: Zufuhr neuerLebenskraft.
Im richtigen Verständnisse davon hat der gesundeSinn des Menschen von jeher die Freude und den Froh-sinn entboten, um alle erhebenden Momente seines Lebens,sowohl des privaten wie des öffentlichen und selbst desreligiösen, zu verherrlichen. Was er feiern, d. h. alshoch und werthvoll für sein Dasein anerkennen wollte,