186 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
erhält — der Egoismus ist ein unentbehrlicher Factor dergesellschaftlichen Ordnung.
Oder sollte doch nicht vielleicht das Sittengesetz überdie ganze gesellschaftliche Ordnung ausgedehnt werdenkönnen? Vielleicht, dass der Egoismus das Gebiet, das erals das seinige betrachtet, vom Sittengesetze nur zu Lehnträgt und nur so lange frei auf demselben zu schalten undzu walten ermächtigt ist, als er als Vasall seine Pflichtthut, von dem Moment an aber, wo er sich ihrer entschlägt,zur Pflicht und Ordnung gerufen wird.
Und so ist es in der That. Das Sittengesetz hat nichtnöthig, dem Menschen das Essen und Trinken anzubefehlen,Niemand erfüllt damit eine sittliche Pflicht. Und doch!— wenn der Lebenssatte sich desselben enthält, um sei-nem Leben ein Ende zu machen, so erhebt das Sittenge-setz seine Stimme und macht aus Essen und Trinken einePflicht, denn wer seinem eigenen Leben ein Ende macht,beraubt damit die Gesellschaft um eins ihrer Mitglieder*In diesem Falle, wo die Lust des Lebens zur Last wird,wird die Last zur Pflicht —das Sittengesetz kommtdem Naturgesetze, das hier seine Dienste versagt, zuHülfe.
Da tritt also hinter dem scheinbar gänzlich sich selberüberlassenen Egoismus plötzlich die Gesellschaft mit einemGebote hervor, von dem bisher nichts verlautete, ein Zügelwird angezogen, von dem derselbe, so lange er sich inder richtigen Bahn bewegte, nichts merkte, den er aber