152 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
zweifellos gehoben, wenn er sich den Zahn ausziehenlässt, aber darum wird man doch einen hohlen Zahn nichtfür eine Quelle gesteigerten Glückes erklären. Die Idee,dass die Natur den Menschen, lediglich um ihm einezweite Quelle des Glückes zu erschliessen, mit dem Sitten-gesetze ausgerüstet habe, ist um nichts besser als dieselbeAnnahme beim hohlen Zahne. Als ob die Natur, wenn esihre Absicht gewesen wäre, dem Menschen ein möglichsthohes Mass des Glückes zuzuwenden, dies nicht in vielwirksamerer und sicherer Weise hätte bewerkstelligen kön-nen! Sie hätte ihm nur einen neuen Sinn oder eine voll-kommenere Organisation seines Körpers, Geistes oder Ge-müths zu gewähren, oder ihm negativ nur Schmerzen undSchwäche zu ersparen brauchen. Statt dessen wirft siemittelst des Sittengesetzes den Zwiespalt in seine Seele,dem reinen Accorde derselben fügt sie eine Dissonanzhinzu, die, wenn es ihm nicht gelingt, sie aufzulösen, denEinklang stört, und wenn sie aufgelöst wird, ihn um nichtsbesser stellt, als wenn die zweite Saite, von der sie erklang,von ihr gar nicht aufgezogen wäre.
Oder wäre es doch vielleicht eine positive Steigerungdes Glücks, die dem Menschen durch das Sitlengesetz zu-gedacht ist? Das Ziel, das man ihm in Bezug auf dasselbevorzeichnet, und das seinen Lohn in sich schliessen soll,ist seine Vollkommenheit. Als ob der wirklich sittlicheMensch sich im Gefühle seiner Vollkommenheit sonnte, umdaraus Vergnügen zu schöpfen, und als ob dies zu erwar-