Kritik der individualistischen Theorie. 151
erhöhen? Eine wunderliche Veranstaltung, die sonst inder ganzen Natur nicht ihres Gleichen findet: die Lustbloss der Lust wegen! Ueberall anderwärts dient die Lustin den Händen der Natur nur als Mittel zum Zweck, alsPrämie für etwas, das die Natur von ihrem Geschöpfe be-gehrt, — die Natur schenkt nicht, sie bezahlt nur(I, S. 41). Im Sittlichen dagegen gewährt die Natur einreines Geschenk. Aber welches Geschenk — ein Danaer-geschenk! Man frage sich unbefangen, ob die Beschränkungunserer natürlichen Triebe, welche das Sittengesetz unsauferlegt, geeignet ist, unser Lustgefühl zu erhöhen.Gerade im Gegentheil! Wie mühsam hat der Mensch mitsich zu kämpfen, um den Einklang mit sich selber, dendie Natur ihm von vornherein in seinem sinnlichen Daseingewährt hat, und den das Sittengesetz ihm stört, wiederherzustellen! Und doch wenn er alle Anstrengungen zudem Zwecke aufgeboten hat, wie oft wird er sich gestehenmüssen, dass das Glück, das er auf diese Weise wiedergewonnen hat, mit dem des Kindes oder des Naturmenschenkaum einen Vergleich aushält. Man täusche sich nur nichtüber das wahre Sachverhältniss. Die Frage lautet nicht:gehört, das Dasein des Sittengesetzes vorausgesetzt, dieBefolgung desselben zum vollen Glücke des Menschen, zurHerstellung des inneren Friedens? sondern: würde dasmenschliche Glück durch das Fehlen des Sitten gesetzeseine Einbusse erleiden? Das Wohlbefinden eines Menschen,dem ein hohler Zahn heftige Schmerzen verursacht, wird