150 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
der Mann die Medicin der Medicin wegen nehmen — erverlangt sogar, dass sie ihm bitter schmecke — in Wirk-lichkeit aber nimmt er sie, und soll er sie nehmen, umgesund zu werden, d. h. er handelt sittlich der Gesell-schaft wegen — erst damit ist das Motiv auf die Höhedes Zwecks erhoben.
Wir müssen jedoch der Möglichkeit Raum lassen, dassjene beiden Theorien mit dem Motive, das sie dem Indivi-duum für sein sittliches Handeln vorzeichnen, zugleich denZweck zu treffen gedenken, d. h. dass sie sich in Wirk-lichkeit der Nothwendigkeit der Uebereinstimmung beidervöllig bewusst gewesen sind und dem gemäss den Zweckdes Sittengesetzes lediglich in das Individuum haben ver-legen wollen.
Versuchen wir, wohin wir mittelst dieser Theorie, dieich als individualistisch-teleologische im Gegensatzezu der von mir vertheidigten gesellschaftlich-teleo-logischen bezeichne, gelangen. Wir setzen einen Vertreterderselben voraus, der sie uns gegenüber im vollen Um-fange aufrecht erhält.
Die Thesis lautet: alle sittlichen Normen sind des In-dividuums wegen da, sie bezwecken nichts als das Wohl-sein, das Glück des Individuums.
Also die Natur oder Gott — von der Gesellschaft alsUrheberin der sittlichen Normen kann hier selbstverständ-lich nicht die Rede sein — hat dem Menschen das Sitten-gesetz ins Herz gepflanzt, lediglich um sein Wohlsein zu