118 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
allen andern Leistungen, welche der menschliche Geist imLaufe der Jahrtausende beschafft hat, fällt der Endpunktdes Entwicklungsprocesses in die Richtungslinie des erstenAnfangs, Stoff kommt zu Stoff hinzu, es ist nur ein Fort-schritt in quantitativer, nicht in qualitativer Be-ziehung. Aber bei der histoi-ischen Erhebung des Egois-mus zur Sittlichkeit bildet der Schlusspunkt des Entwick-lungsprocesses den diametralen Gegensatz des Ausgangs-punktes: der Egoismus ist in sein gerades Gegentheilumgeschlagen, er hat sich selber negirt. Die Aenderung,die hier vor sich gegangen, ist qualitativer Art, dieGeschichte bildet aus dem Thone, dem Teige, den dieNatur ihr geliefert hat: dem natürlichen Menschen, demThiere ein Wesen höherer Art, welches das gerade Wider-spiel des ursprünglichen bildet: den sittlichen Menschen;der Egoist ist das Werk der Natur, der sittliche Menschdas der Geschichte.
Die Form, in der sich dieser Umbildungsprocess vollzieht,
auf welche ich bei einer anderen Gelegenheit eingehen werde. Auchsie war eine ausserordenllicli schwierige, denn das Schwierigste undHöchste, was die Geschichte mit der Menschheit fertig zu bringen hatte,bewegt sich auf dem Boden des Willens, nicht des Intellects;nur wer nie über die Schwierigkeiten der Erziehung des Menschen-geschlechts zum Wollen nachgedacht hat und naiv genug ist, Ge-horsam und sittliche Gesinnung als etwas Selbstverständliches zubetrachten, kann die Leistungen des menschlichen Intellects überdie des menschlichen Willens selzen — es hat weit mehr dazu ge-hört, den Sinn der Gesetzlichkeit und die sittliche Gesinnung in dieWelt zu setzen, als die Dampfmaschine, die Eisenbahnen und denelektrischen Telegraphen.