Geschichtliche Bildung des sittlichen Willens. 117
welche sich mit dein creatürlichen menschlichen Willenim Laufe der geschichtlich-gesellschaftlichen Entwicklungvollzogen hat, um ihn zur Aufnahme des Sittlichenempfänglich zu machen, ist keine geringere gewesen, wiedie des Felsens, der erst unter der fortgesetzten Einwir-kung der Atmosphäre hat verwittern müssen, um sich mitMoos, Gras, Gesträuch, Bäumen zu bedecken. Jahrtausendehaben vergehen müssen, um dies fertig zu bringen. Be-vor sich als letzte Phase der Entwickelung der Wald aufdem Felsen hat erheben können, musste die Vegetationalle Vorstufen durchlaufen, vom kümmerlichsten Moos anbis zum Baum, um allmählich den Boden zu bereiten.Denselben Entwicklungsgang hat auch das Sittliche in derWelt genommen, es hat mit dem Rohsten beginnen müssen:mit dem Verbote von Mord, Baub und Diebstahl, undzwar zunächst nur mit der Aufstellung und Handhabungdesselben im Kreise der Genossen, um sich sodann erstallmählich zu höheren Formen und Bildungen zu erheben— alles, das Kleinste wie das Grösste, hat die Geschichteerst dem Egoismus abringen müssen.
Diese geschichtliche Erhebung des Egoismus zur sitt-lichen Gesinnung bildet die Aufgabe des zweiten Theilsder folgenden Untersuchung: der Theorie des sitt-lichen Willens. Es ist das grösste Meisterstück, welchesdie Geschichte auf Erden fertig gebracht hat, mit dieserLeistung kann sich keine von allen andern messen*). Bei
*) Auch nicht die der Erziehung der Menschheit zum Gehorsam,