116 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
(praktisch-nativistiscbe Theorie). Der Schutzgeist,den sie uns mitgegeben: das Gewissen lehrt uns nichtbloss, was gut und böse ist, sondern nöthigt uns auch,seine Mahnungen zu befolgen — das Wollen des Sittlichenist nur die etwas mühsame, aber von dem sittlichen Ge-fühl als unablässig und unerbittlich in Erinnerung ge-brachte praktische Gonsequenz des Wissens. Zwei wider-strebende Triebe hat die Natur dem Menschen eingepflanzt.In die eine Herzkammer hat sie den Egoismus gelegt, indie andere das sittliche Gefühl, der Mensch ist von Naturaus zwiespältig angelegt — die Theorie des psycholo-gischen Zweikammersystems.
Nach meiner Auffassung ist der Wille des Menschenvon der Natur von vorn herein einheitlich angelegt. Dermenschliche Wille, wie er aus den Händen der Natur vonallem Anfang an hervorgegangen ist und täglich neu her-vorgeht, hat lediglich die Erhaltung und Behauptung deseigenen Ichs zum Zweck (Selbsterhaltungstrieb), es istm. a. W. der nackte, dürre Egoismus, den die Natur demMenschen eingepflanzt hat. Die Geschichte allein ist es,welche aus ihm die sittliche Gesinnung hervorbringt. Andem creatürlichen Willen gleitet das Sittliche ab, wie dasWasser am harten Stein, der Intellect wie der Wille desMenschen bringen für das Sittliche nicht die mindesteEmpfänglichkeit mit; alles Sittliche: das Wissen wie dasWollen desselben ist Product der Geschichte, des ge-schichtlichen Lebens, der Gesellschaft. Die Umwandlung,