Geschichtliche Bildung des sittlichen Gefühls. 113
menschlichen Verstandes, der mit jeder Noth, der er ab-half, jedem Bedürfnisse, das er befriedigte, nur den Bodenherstellte, auf dem ein neues Bedürfniss, ein neuer Zwecksich erheben konnte. Der Zweck hat in Wirklichkeit dieFähigkeit, welche Hegel in seiner dialektischen Methodefälschlich dem Begriff beilegte: er entlässt stets einenneuen aus sich, er ist das Perpetuum mobile der Welt-geschichte.
Nur der Umstand, dass die Grundsätze und Maximen,die der Mensch auf dem Wege einer unendlich langenErfahrung sich abstrahirt hat, dem einzelnen Individuumin einem so frühen Alter und in einer so unscheinbarenForm zugetragen werden, dass jede Gontrole seinerseitsüber die von aussen erfolgte Aufnahme ausgeschlossen ist,hat den Glauben hervorgerufen, dass das Bechtsgefühl an-geboren sei. Das erwachende Bewusstsein findet sich imBesitz aller dieser Wahrheiten; was ist natürlicher als dieMeinung, dass sie ihrem Träger und somit auch demmenschlichen Geiste überhaupt von allem Anfang an zueigen gewesen seien ? Die Zeit liegt noch nicht langehinter uns, wo die Medicin und Naturwissenschaft in denverschiedenen Zersetzungsprocessen des organischen Kör-pers: der Eiterbildung, Fäulniss, Gährung, dem Schimmeln,Verwesen u. s. w. von innen heraus (spontan) erfolgendeVorgänge erblickte. Inzwischen hat die Wissenschaft mitHülfe des Mikroskops den Nachweis erbracht, dass allejene Processe von aussen durch Aufnahme der dem un-
v. Jhering, Der Zweck im Beeilt. II. 3. Aufl. 8