Geschichtlich-gesellschaftliche Theorie. 109
bloss der zur Form des Bewusstseins erhobenen Gedanken:der sittlichen Normen, Ideen und des dieselben in Formdes Unbewussten in sich tragenden sittlichen Gefühls,sondern auch des sittlichen Willens. Die Ansicht von demhistorischen Ursprung unserer sittlichen Anschauungen istbereits vor nahezu zweihundert Jahren von Locke inseiner bekannten Schrift über den menschlichen Verstand(1690) vertheidigt worden. Aber seine Entdeckung — inmeinen Augen eine der grössten Thaten des menschlichenGeistes im Laufe der ganzen Weltgeschichte, eine wahreRiesenleistung, die Jeden mit Bewunderung vor der Gewaltder menschlichen Denkkraft erfüllen ruuss — ist an derspätem Ethik und Rechtsphilosophie spurlos vorüberge-gangen. Statt des verhängnisvollen zu spät traf sie derVorwurf: zu früh! Selbst ein so gewalliger Geist wieKant, der in Bezug auf den von Locke ebenfalls behaup-teten historischen Ursprung aller unserer theoretischenErkenntnisse seinen Gedanken aufnahm, vermochte sich inBezug auf die praktischen Wahrheiten, welche unserangeblich angeborenes sittliches Gefühl uns lehren soll,nicht von der ererbten Vorstellung frei zu machen, unddie Lehre von dem angeborenen sittlichen Gefühl, sei esals Form des Erkenntnissvermögens, sei es als Inbegriffrealer Ideen, sei es unter diesem oder jenem Namen: alsGewissen, sittlicher Trieb, Vernunfttrieb, Ver-nunft, angeborne Ideen, natürliche Wahrheiten,Vernunftwahrheiten, und welche Namen man sonst für