\ fl8 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
werthe Entlastung zu verschaffen. Ich kann es indessennicht umgehen, meine Ansicht bereits hier initzutheilen,da ich im Verlaufe der folgenden Entwicklung oft genöthigtbin auf sie Bezug zu nehmen.
Auf die Frage nach dem Ursprünge des sittlichen Ge-fühls antwortet eine Theorie, welche so alt ist als daswissenschaftliche Denken, und welche sich von den Tagender griechischen Philosophen bis auf die Gegenwart be-hauptet hat: das sittliche Gefühl ist dem Menschen ange-boren, die Natur (Gott) hat es ihm ins Herz gesenkt. Ichbezeichne dementsprechend diese Theorie als die nati-vistische. Nur darüber weichen die Vertheidiger der-selben von einander ab, dass die Einen die angeblicheMitgift der Natur auf ein bloss formales Erkenntniss-vermögen beschränken (formalistisch-nativistischeTheorie). Wie der Mensch sich seines Auges erst bedieneninuss, um die Anschauung von der Aussenwelt in sichaufzunehmen, so auch jenes ErkenntnissVermögens, umseine sittlichen Anschauungen zu gewinnen. Eine zweiteAnsicht (substantiell-nativistische Theorie) erstrecktdie Mitgift der Natur auf den Inhalt dieses Gefühls, sodass ihr zufolge dem Menschen die fundamentalen Normenfür sein sittliches Handeln ebenso angeboren wären, wiedie logischen Gesetze für sein Denken.
Der nativistischen Theorie setze ich meinerseits diegeschichtliche gegenüber. Nicht die Natur, sondern dieGeschichte ist die Urheberin des Sittlichen und zwar nicht