106 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
hängigkeitsverhältniss des Sittlichen von der Ausdehnung derGesellschaft rede, ursprünglich fiel letztere zusammen mitdem Verbände der Genossen, heutzutage umfasst sie dieganze Menschheit. Diesen endlichen Abschluss des Ent-wicklungsprocesses des Sittlichen auf Erden hat die Sprachetreffend wiedergegeben mit dem Ausdruck Menschlich keil.
Unter dem praktischen Abhängigkeitsverhältniss dersittlichen Normen von der Gesellschaft verstehe ich denEinfluss, den gesellschaftliche Unterschiede auf unser sitt-liches Urtheil und Verhalten ausüben. Vom Standpunkteder abstracten ethischen Theorie aus kommen dieselbengar nicht in Betracht, ein geschlechtliches Vergehen wiegtgleich schwer, ob ein Mädchen der höheren Stände oderein Bauernmädchen, ein Prediger oder ein Heldentenor, einAct der Muthlosigkeit, ob ein Officier oder ein Schneider,eine wissenschaftliche Leichtfertigkeit, ob ein Gelehrteroder ein Zeitungsschreiber sich dessen schuldig gemachthat. Wir werden sehen, dass unser sittliches Urtheil, wiees nun einmal ist — und die Thatsächlichkeit desselbenbildet überall die Grundlage meiner Betrachtungen — sichganz verschieden dagegen verhält. Das heisst aber m. a.W. unser sittliches Urtheil reagirt gegen gesellschaftlicheMomente — warum? wird sich seiner Zeit zeigen.
Den Abschluss der Teleologie des Sittlichen bildetder Nachweis der Anwendbarkeit des von uns aufgestell-ten Massstabes des Sittlichen als des gesellschaftlich Nütz-lichen auf die Staatsgewalt. Ist die Gesellschaft das