100 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
sondern als begrifflich notwendigen Ausfluss seines Innern,als Emanation seines eigenen wahren sittlichen Wesens.Das Soll ist überwunden: Soll und Sein ist eins.
Es liegt nicht in meiner Absicht, den Vorzug, dendiese Darstellungsweise in ästhetischer Beziehung vor derimperativischen in Anspruch nehmen kann, zu bestreitenund ebenso wenig ihre wissenschaftliche Berechtigung alsblosse Form der Darstellung; allein von der Darstellungist die Untersuchung und Forschung wohl zu unterscheiden,für letztere aber ist die Bückkehr zu der natürlichen undursprünglichen Form des Imperativs meines Erachtens un-erlässlich. Als ausschliessliche Betrachtungsform des Sitt-lichen schliesst jede begriffliche Auffassungsweise für dieEthik eine Gefahr in sich, deren ich bei der Jurisprudenzaus eigener und fremder Erfahrung längst inne gewordenbin: die, über den Begriff den Zweck ausser Acht zulassen. Bei dem Begriff entschlägt man sich nur zu leichtder'Frage nach dem Zweck. Er tritt uns entgegen in demGewände einer für sich seienden, in sich ruhenden, ab-geschlossenen Existenz, er ist da, ganz so gut wie dieDinge der Natur. Wozu noch erst seine Existenzberech-tigung in Frage stellen? Sie ist mit ihm selber gegeben,seine Existenz überhebt ihn dieses Nachweises. Bei demImperativ dagegen fragt jeder denkende Mensch sofortnach dem Warum, und diese Frage führt ihn zum letztenGrund der Sache zurück, der bei allen praktischen Din-gen im Zwecke besteht. Die begriffliche Form dagegen