Die Sprache. — Verstummen derselben. 93
der Wissenschaft zuzuwenden und erstere nur dann nochzu Worte kommen zu lassen, wo sie über Punkte, welchewir bei Gelegenheit der folgenden Untersuchung berührenwerden, etwas auszusagen vermag.
Nur eine Bemerkung haben wir, indem wir unserVerhör mit der Sprache beschliessen, noch hinzuzufügen.
Wir sagten oben, dass es bei einem Verhör nichtbloss darauf ankomme, was der zu Verhörende positivauszusagen, sondern auch auf dasjenige, worauf er keineAntwort zu ertheilen vermöge. Keine Antwort ertheilt unsdie Sprache auf die Frage nach der Quelle des Sittlichen.Woher nimmt das Individuum oder die Gesellschaft, werimmerhin von beiden sie auch zu Tage fördern möge, diesittlichen Normen ? Aus dem Innern heraus, aus der Ver-nunft, dem angeboren sittlichen Gefühl? Sind die Grund-sätze des sittlichen Handelns dem Menschen ebenso an-geboren wie die des logischen Denkens? Oder ist eserst die Erfahrung, welche den Menschen belehrt, was erzu thun und zu meiden habe, was gut und böse, sittlichund unsittlich sei?
Die Sprache versagt uns darauf jede Antwort, und esist von Wichtigkeit, dieses negative Ergebniss hier zu con-statiren. Keinem einzigen der Ausdrücke, die sie für dasSittliche verwendet: Sittengesetz, Sittlichkeitsgefühl, Ge-wissen, wohnt die Vorstellung des Angebornen inne,die Sprache gewährt für diese Idee nicht den leise-sten Anhalt. Nicht Sittengesetz. Der Begriff des Ge-