92 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
liehen in die fremde Person verlegt: Nächsten-liebe,Menschen-freundlichkeit, Mit-leid; allein eine princi-pielle, d. h. für alle sittlichen Vorschriften, Pflichten,Tugenden, für das Sittliche schlechthin zutreffende Be-ziehung auf die Gesellschaft ist darin nicht zu erblicken.Dagegen lässt sich dafür allerdings die dreimal sich wieder-holende etymologische Anlehnnung des Sittlichen an dieSitte in Bezug nehmen, in der wir oben (S. 23) die alsverbindlich gedachte Ordnung des Gemeinlebens erkannthaben. Damit nennt uns die Sprache die Gesellschaftals dasjenige Subject, welches diese Normen zur Geltungbringt. Freilich muss dann noch supplirt werden, dassdie Gesellschaft es ihretwegen thut, d. h. dass sie nichtbloss Urheberin, sondern auch Zwecksubject der Sitteund des Sittlichen ist, beides aber fällt, wie wir soebennachgewiesen haben, nicht zusammen.
So schliesst unsere Untersuchung über die Sprachein Bezug auf den springenden Punkt der ganzen Ethikmit einem zweifelhaften Resultat ab. Die Beziehung desSittlichen zur Gesellschaft wird in der Sprache wahrnehm-bar, aber nicht in voller Klarheit, sondern wie im Nebel.So muss denn die Wissenschaft kommen, um mit ihrerFackel in helles volles Licht zu rücken, was wir im Halb-dunkel der Sprache nicht zu erschauen vermochten: eswird sich zeigen, dass sie es vermag.
Damit haben wir den Uebergang zum Folgenden ge-wonnen. Wir nehmen von der Sprache Abschied, um uns