Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
80
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§0 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.

tiven Charakteristik, für den des Unsittlichen reicht dienegative aus.

Davon gibt es meines Wissens nur eine Ausnahme.Das religiös Unsittliche; die Sünde ist positiv bezeichnet,und der Gegensatz dazu: die Sündlosigkeit negativ. DieAusnahme erklärt sich sprachlich als Ausdruck der christ-lichen Lehre von der Erbsünde. Während die Spracheauf dem Gebiete des menschlich Sittlichen vom Gorrectenausgeht, um davon das Incorrecte zu bilden, verfährt sieauf dem des religiös Sittlichen im Anschluss an die Lehredes Christenthums umgekehrt, sie geht aus von der Sündeals dem ursprünglichen Zustande des Menschen und ge-langt dann erst zur Sündlosigkeit. Historisch hat sich dieMenschheit auf dem Boden des menschlich Sittlichen, ganzebenso wie auf dem des religiös Sittlichen, thatsächlichvom Incorrecten zum Gorrecten erheben müssen: von derUnordnung, der Unsitte, dem Unfrieden, dem Unrecht, demUnsittlichen zur Ordnung, Sitte, zum Frieden, Recht, Sitt-lichen. Aber ein Anderes ist das thatsächliche Dasein vonZuständen, ein Anderes die begriffliche Erfassung undWiedergabe derselben durch die Sprache, hier dreht sichdas obige Verhältniss völlig um: der positive Begriff mussteerst erfasst und ausgeprägt sein, bevor der negative ge-bildet werden konnte.

Ist diese Behauptung begründet, so ist damit vomStandpunkte der Sprache aus der Gegenbeweis gegen diewunderliche Idee von Schopenhauer erbracht, welcher