Die Sprache. — Sittlich und unsittlich. 79
Sittlichkeit — Unsittlichkeit.Anständig — Unanständig.
Sollte dies Zufall sein? Das erscheint mir kaum glaublich.Ich werde in dieser Annahme durch die Thatsachebestärkt, dass die Sprache von den Tugenden Negationenbildet, nicht aber von den Lastern und Vergehen. Manvergleiche:
Tugend — Untugend.
Ehre — Ehrlosigkeit.
Dankbarkeit — Undankbarkeit.
Barmherzigkeit — Unbarmherzigkeit.
Treue — Treulosigkeit, Untreue.
Gerechtigkeit — Ungerechtigkeit.
Friedfertigkeit — Unfriedfertigkeit.
Verträglichkeit — Unverträglichkeit.
Liebe — Lieblosigkeit.
Scham — Schamlosigkeit, Unverschämtheit.
Den Tugenden stelle ich die Laster gegenüber: Geiz,Habgier, Rachsucht, Grausamkeit, Hass, Feigheit, Stolz,Eitelkeit, Eifersucht — von keinem dieser Worte bildet dieSprache eine Negation.
Irre ich mich, wenn ich darauf hin sage: der Spracheerscheint das Laster als Negation der Tugend, die Tugendaber nicht als Negation des Lasters, das Unsittliche alsNegation des Sittlichen, das Sittliche aber nicht als Nega-tion des Unsittlichen? Die Aussage der Sprache überdiesen Gegensatz würde sich darnach dahin zusammen-fassen lassen: der Begriff des Sittlichen bedarf der posi-