Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
78
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78 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.

verschiedenen Namen (z. B. reich und arm, jung und alt,kalt und warm), beide werden damit als völlig selbstän-dige Begriffe sich gegenübergestellt. Bei der zweiten be-hilft sie sich mit einem einzigen Ausdruck, aus dem siedurch Negation den zweiten bildet (z. B. verständig, un-verständig; vergänglich, unvergänglich; muthig, muthlos).Der positive Begriff musste erst gedacht und sprachlichausgeprägt sein, um den negativen zu bilden, letzterersteht zu ihm in der historischen und logischen Abhängig-keit. Manche Gegensätze hat sie in beiden Formen aus-gedrückt, neben muthlos z. B. hat sie feige, neben unver-ständig thöricht, neben unsterblich ewig.

Es ist nun in meinen Augen eine höchst beachtens-werthe und zum nähern Nachdenken auffordernde That-sache, dass sämmtliche Gegensätze auf dem sittlichenGebiete das Gewand der negativen Ausdrucksform an sichtragen.*) Man vergleiche:

Recht Unrecht.

Ordnung Unordnung.

Frieden Unfrieden.

Sitte Unsitte.

*) Allerdings hat die Sprache auch einen positiven Gegensalz:gut und böse oder schlecht, aber er ist kein originär-sittlicherBegriff, sondern auf das Sittliche erst übertragen; es ist der ganzallgemeine Gegensatz des Nützlichen und Schädlichen, dessenursprüngliches Beobachtungsfeld die sinnliche Welt war, zu derdann erst später die sittliche hinzukam. Der Gegensatz von gut undböse findet nicht bloss auf die Person, sondern auch auf die SacheAnwendung, was bei keinem originär-sittlichen Ausdrucke der Fallist, da das Sittliche sich nur auf die Person bezieht.