72 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
der blosse Verstand reicht zur richtigen Erkenntniss des»eigenen Nutzens« und der richtigen Wahl der Mittel aus.Meiner Ansicht nach liegt der Grund, warum die Spracheden Ausdruck auf den Menschen beschränkt, nicht im In-tellectuellen, worin Schopenhauer ihn sucht, sondern imEthischen. Auch hier, wie bei der Selbstsucht, stehtwiederum das Sittliche im Hintergrund — Eigennutz ent-hält einen sittlichen Vorwurf, Selbsterhaltung, Selbst-behauptung nicht.
Egoismus ist sprachlich die Zweckbeziehung desWollens auf das eigene Ich. Wäre es lediglich die Be-fangenheit im eigenen Selbst, was die Sprache dabei imSinne hat, so würde der Ausdruck auch auf das Thierpassen, und Schopenhauer a. a. 0. will denselben in derThat auch auf das Thier erstrecken. Aber das Ich, demdie Sprache die Benennung des Egoismus entlehnt, trifftnur für den Menschen zu, zum Ich erhebt sich daslebende Wesen erst im Menschen. Ich ist nur der-jenige, der das Wort aussprechen kann — das WortIch ist der sprachliche Durchbruch, die phänomenale Thatdes Selbstbewusstseins. Kinder sprechen zuerst im Infinitiv— das Ich müssen sie erst lernen, und sie lernen es erst,wenn das Ich sich fühlt. Das Selbst gebraucht die Spracheauch vom Thier [Selbsterhaltung), das Ich (Egoismus) nurvom Menschen — der Mensch ist der einzige Egoist in derSchöpfung, denn zum Egoismus gehört neben dem Willen,der sich auf das Ich richtet, auch das Bewusstsein des