. Die Sprache. — Ethisch, sittlich, motalisch. 61
wiesen: die Sprache bedient sich für die Sitte eines reichenSchatzes von Wendungen, welche sie für das Sittliche niegebraucht, und zwar haben wir dort gesehen, dass es derGesichtspunkt der äussern Form des Handelns war, durchden sie die Sitte vom Sittlichen abhebt. Sie bietet unsaber noch einen andern Gesichtspunkt zur Unterscheidungbeider dar, der für die Art, wie sie sich ihr Verhältnissdenkt, höchst charakteristisch ist.
Die Sprache redet von einer »Landes-, Standes-,Volks-, Orts-Sitte«, nicht von einer »Landes-, Standes-,Volks-, Orts-Sittlichkeit«. Mit diesem einen Zuge hatsie das unterscheidende Wesen beider klar gezeichnet, esist der Gegensatz des bloss bedingt und des absolutBindenden. Geben wir dem Gedanken, den die Sprachedamit verbindet, Ausdruck, so sagt sie dadurch Folgendesaus. Die Sitte ist etwas lokal, national, social Bedingtes,sie bindet nur da, wo sie besteht. Die Sitte lasse ich,wenn ich auf Reisen gehe, in der Heimath zurück undordne mich der Landessitte unter, selbst wenn sie vonder meiner Heimath noch so sehr abweicht. Aber die Sitt-lichkeit begleitet mich auf der Reise um die Welt, eineunsittliche Handlung: Betrug, Diebstahl, Völlerei, Ehebruchwerde ich selbst unter einem wilden Volke, bei dem siean der Tagesordnung sind, und das in ihnen nichts Ad-stössiges erblickt, nicht mit anderen Augen ansehen alsdaheim. Und wie die Sitte da mich nur bindet, wo siebesteht, so auch nur so lange, als sie besteht, ihre ver-