60 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
durch die Erfahrung als nothwendig bewährt haben. Sowenig die Sitte etwas rein Individuelles ist, welches dasSubject aus sich selber entnehmen könnte, eben so wenigdas Sittliche; für beide bedarf es des Volks und zwar desgeschichtlichen Lebens des Volks: der gesellschaftlichenErfahrung, um sie ins Dasein zu rufen.
Damit hat die Sprache uns ein höchst wichtiges Mo-ment für die Begriffsbestimmung des Sittlichen angegeben,das die Wissenschaft zu ihrem grössten Schaden bisher nurzu sehr aus den Augen gelassen hat, und das wir unserer-seits demnächst verwerthen werden. Es ist das Momentdes Geschichtlichen und des Volksthümlichen. Sowenig wie das Individuum die Sprache aus sich zu ent-wickeln vermag, eben so wenig das Sittliche, beide ent-halten Aufgaben, die nur das Volk in der Gemeinsamkeitseines Lebens zu lösen vermag.*)
Das historische und volksthümliche Moment: die Ge-meinsamkeit des Ursprungs ist dasjenige, was die Sitteund die Sittlichkeit der Sprache zufolge mit einandertheilen, sie sind Zwillingsschwestern, deren Wege sich aberbald trennen, indem sie sich zu zwei besondern, selb-ständigen Begriffen gestalten, welche die Sprache genauaus einander hält. Dies ist oben (Nro. 7) bereits nachge-
*) Für die Sprache nachgewiesen in der höchst gedankenreichenSchrift von Ludwig Noire: Logos, Ursprung und Wesen der Be-griffe, Leipzig 1885. Der Grundgedanke des Buches kurz wiederge-geben lautet: Die Entstehung der Sprache knüpft an die gemeinsameThätigkeit an. )