Die Sprache. — Die Sitte. — Griechische Auffassung. 51
beiden Cultursprachen des Alterthums wird dies Verdienstunserer Muttersprache darthun; es ist ein Stück aus derGeschichte des Denkens der Völker, der sich stets fort-setzenden und ablösenden Arbeit derselben an der Lösungeines und desselben Problems.
Das Problem besteht in der Scheidung der drei ver-schiedenen Seiten der gesellschaftlichen Ordnung: Sitte,Moral, Recht.
Die niedrigste Stufe der sittlichen Entwicklung, vonder alle Völker ausgegangen sind, zeigt uns diesen Gegen-satz noch in seiner Gebundenheit. Das ist der Stand-punkt der griechischen Auffassung: sie ist ausgeprägtin dem griechischen 8'finj.*) Die ganze Ordnung desLebens: Sitte, Sittlichkeit, Recht, alles ist oi'xtj. Wer siebeachtet, ist ouaioc, wer sie missachtet, aot/o?, ohne dassdabei die Vorschriften des bürgerlichen Gesetzes, derMoral und des Anstandes unterschieden würden. Ai'xaio?ist der Mann, wie er sein soll, der etwas auf sich hält,aonco? sein Widerspiel, gleichmässig der Verächter desGesetzes wie der Gottlose, der Böse, Freche und Scham-lose. Selbstverständlich ist damit nicht gemeint, dass dieGriechen, die gleich keinem Culturvolk des Gesetzes ent-behren konnten, nicht auch den Begriff desselben richtigerfasst hätten, sie unterscheiden sogar das göttliche und
*) Es entspricht unserem deutschen »Art und Weise« und slammtvon der Wurzel die (= zeigen, griech. Sefxvup.1, lat. dicere, goth.zeigom), G. Curtius, Grundzüge der griech. Etymol. (Aufl. 4) S. 134.
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