Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
49
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Die Sprache. Die Sitte: Takt, Gewissen. 49

desselben mit der Vergangenheit des Menschen, seinerErziehung u. s. w., der so oft den einzig richtigenSchlüssel zu ihrer Erklärung darbietet, während unsalle diese innern und äussern Zusammenhänge bei dereigenen That bekannt sind. Darum darf man sagen: *eigene Handlungen ist man besser in der Lage zu beur-theilen, als fremde, d. h. das Gewissen urtheilt richtigerals das Sittlichkeitsgefühl. Freilich gibt es sein Urtheilhäufig erst ab, wenn es zu spät, wenn die Handlung be-reits geschehen ist, und holt in der kritischen Functionerst nach, was es bei der praktischen versäumt hat, undnach dieser Seite hin trifft der Vergleich mit dem Taktund Geschmack nicht zu, die sich ausschliesslich im Han-deln bewähren. Aber das ist wiederum allen drei gemein-sam, dass es die zweifelhaften Fragen, die kritischenFälle sind, in denen sie sich erproben. Für das Sittlichebezeichnet die Sprache dieselben als »Gewissensfragen«(casus conscientiae in der Sprache der theologischen Moral-casuistik des Mittelalters), nicht als »sittliche Fragen«. Damitsagt sie uns: über sie hat nur der Handelnde selber einUrtheil, ein Dritter soll sich des Urtheils enthalten, wenner nicht von ihm selber ins Vertrauen und zu Rathe ge-zogen ist, wie es die katholische Kirche in der Person desBeichtvaters ermöglicht eine Einrichtung, der ich, ob-schon selber Protestant, doch ihre Berechtigung und ihrenhohen Werth nicht absprechen kann, da sie dem Zweifeln-den statt der bloss subjectiven eigenen Autorität die ob-

v. Jhering, Dor Zweck im Eedit. II. 3. Auö. 4