42 Kap- IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
lichkeitsgefiihl verletze. Dagegen sprechen wir dem-jenigen, der sie verübt hat, das »Gewissen« ab und be-zeichnen seine Handlung als eine »gewissenlose«. DieSprache unterscheidet also auch hier wiederum zwischender kritischen und praktischen Funktion des Gefühls.Das Gewissen bedeutet für das Sittliche dasselbe, wie derTakt für die Sitte.
Damit könnten wir uns begnügen, wenn es bloss dar-auf ankäme, auch an diesem Punkte die sprachliche Unter-scheidung der beiden Sphären der Sitte und Sittlichkeitzu constatiren. Man sieht, die Sprache bleibt sich auchhier wiederum treu, sie bezeichnet das der Sitte und derSittlichkeit entsprechende subjective Gefühl mit zwei ver-schiedenen Namen, das eine als Anstands- oder Schick-lichkeils-, das andere als sittliches oder Sittlichkeitsgefühl,und für beide bildet sie in Bezug auf ihre praktische Be-thätigung im Handeln zwei besondere Namen: Takt undGewissen. Die Behauptung wird keinen Widerspruch finden,dass unsere deutsche Sprache den obigen Unterschied ineiner Weise ausgeprägt hat, die nichts zu wünschen übriglässt, er gehört zu den am klarsten erfassten und amgenausten durchgeführten Unterschieden der deutschenSprache, insbesondere hat sie dabei die Sitte mit ganz be-sonderer Vorliebe behandelt, sie bietet für dieselbe eineFülle eigenthümlicher Wendungen auf, gegen welche derWortvorrath, den sie für das Sittliche verwendet, sich fastals Armuth ausnimmt — eine Erscheinung, für die wir