Die Sprache. — Die Sitte: Takt. 41
binden, verstehen wir den sicheren Treffer des Gefühls inDingen des Anstandes, er bezeichnet also eine Potenzirungdes Schicklichkeits- oder Anstandsgefühls. Aber diesesMoment ist es nicht allein, welches ihn von letzterem unter-scheidet, sondern die Sprache beachtet im Gebrauche diesesAusdrucks noch eine feine Nüancirung. Takt ist nicht dasSchicklichkeitsgefühl in seiner kritischen Function, inder dasselbe sich gleichmässig in der Beurtheilung desfremden wie des eigenen Benehmens bethätigt, (das Schick-lichkeitsgefühl als Urtheilskraft) sondern in seiner prak-tischen Function als Wegweiser für das eigene Handeln.Von einer fremden unschicklichen Handlung sagen wirnicht, dass sie unsern Takt, sondern dass sie unser Schick-lichkeits- oder Anstandsgefühl verletze. Bei Takt denkenwir also bloss an den Einfluss, den letzteres auf das Be-nehmen ausüben soll, selbstverständlich nicht bloss auf dasunsrige, sondern auch auf das fremde, und in diesemSinne bezeichnen wir ein Benehmen, welches dagegen ver-stösst, als taktlos und sprechen demjenigen, der es sichhat zu Schulden kommen'lassen, den Takt ab. Aber diesUrtheil fällt nicht unser Takt, sondern unser Schick-lichkeitsgefühl. Takt also ist die Bewährung des Schick-lichkeitsgefühls im Handeln.
Ganz denselben Unterschied macht die Sprache inBezug auf das Sittlichkeitsgefühl und das Gewissen.Von einer fremden unsittlichen Handlung sagen wir nichtdass sie unser Gewissen, sondern, dass sie unser Sitt-