Die Sprache. — Die Sitte: gesittet, sittsam. 35?
gekehrt ein »unehrbares« d. i. freches Wesen mit Ehr-lichkeit.
Der Werth dieses Doppelpaares von Ausdrücken fürunsern Zweck erschöpft sich nicht darin, dass sie unseinen neuen Beleg geben für die scharfe Grenzscheide,welche die Sprache in Bezug auf Sitte und Sittlichkeitbeobachtet, sondern dass sie demselben Stammwort: Sitteund Ehre zwei so gänzlich verschiedene Bedeutungen ent-lehnen. In meinen Augen hätte die Sicherheit, mit derdie Sprache über ihre Anschauung von Sitte und Sittlich-keit verfügt, nicht glänzender bewährt werden können,als indem sie bei der Bildung des Adjectivums ein unddasselbe Substantiv in doppeltem Sinn ausprägt, einmalim Sinne des rein Aeusserlichen: der Sitte, des An-standes, der äusseren Ehre, kurz des Benehmens, dasandere Mal im Sinne des Innerlichen: der Sittlichkeit,der inneren Ehre, kurz des Charakters. Schon bei demStammworte selber muss die Sprache sich dieses Gegen-satzes zwischen dem Innern und Aeussern klar bewusstgewesen sein, sich vergegenwärtigt haben, dass die Sittein ihrer ursprünglichen historischen Gestalt als Nieder-schlag und Erscheinungsform der Weise des Volks eben-sowohl Normen über die moralische Bestimmung desWillens wie über das äussere Verhalten des Menschenin sich birgt, und dass die Ehre im subjectiven Sinn alsSelbstschätzung sich ebensowohl im äusseren Benehmenals im Handeln bewährt. Sprachlich sichtbar wird diese