38 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
äusseren Erscheinung den Eindruck echter Jungfräulichkeitmacht, diejenige zarte Scheu, Zurückhaltung, Scham be-kundet, in der wir bei ihm den Ausdruck jungfräulicherReinheit erblicken. Sittsamkeit ist das Gegentheil derDreistigkeit, Frechheit. Aber die Sittsamkeit ist nur etwasAeusserliches, hinter dem sich die Unsittlichkeit und Un-keuschheit verbergen kann, sie gehört daher nicht demGebiete des Sittlichen, sondern dem der Sitte an. Ebensoverhält es sich mit »gesittet«. Ein »gesitteter« Mann kannhöchst unsittlich sein, es ist nur der äussere Schliff, dener der Erziehung verdankt, welchen wir mittelst diesesPrädikats ihm zuerkennen; der »Ungesittete«, dem sie ab-geht kann unter dieser mangelhaften Aussenseite einen un-gleich höheren sittlichen Fonds in sich bergen, als derGesittete. »Sittlich« dagegen geht stets auf das Innere desMenschen: seine Gesinnung, seinen Charakter, seine mora-lischen Grundsätze.
Ganz dasselbe gilt für den zweiten Gegensatz von»ehrbar und ehrsam« und »ehrlich«. Die beiden erstenAusdrücke treffen wiederum nur die Aussenseite: das Be-nehmen, sie sind völlig äquivalent mit sittsam. »Ehrlich«dagegen geht auf die Gesinnung, es zeichnet uns denMann, der innerlich etwas auf sich hält, dem seine »Ehre«das ist seine persönliche Selbstachtung höher steht,als der Vortheil, den er durch Unredlichkeit erlangenkönnte, während der »Ehrbare« nur äusserlich etwasauf sich hält, womit sich Unehrlichkeit verträgt, wie um-