Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
37
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Die Sprache. Die Silte: Benehmen, Wesen. 37

Woher nun jener befremdende Widerspruch in derDoppelbedeutung des Ausdrucks ? Es ist gar kein Wider-spruch, die Sprache hat vielmehr auch hier wie immer dasRichtige getroffen. Sie setzt das Wesen des Menschen nichtin das rein Aeusserliche als solches, sondern sie erblicktin demselben den Ausdruck des Innern, den Widerscheindes Charakters; es ist der Gedanke, dass das innereWesen des Menschen in seinem Aeusseren zur Erscheinunggelangt, in dem lieblichen, freundlichen die Liebe, dasWohlwollen, in dem herrschsüchtigen die Herrschsucht, indem scheuen die innere Unsicherheit. Dass das Wesenauch etwas bloss äusserlich Angenommenes, Angelerntessein kann, ein Firniss, den der Mensch aufgelegt hat, umsein »wahres Wesen« zu verbergen, steht dem nicht ent-gegen, die Sprache hält sich bei jedem Ausdruck an dasnormale Verhältniss, und das besteht eben darin, dass dasWesen in dem einen Sinne der Ausdruck des Wesens indem andern Sinne d. i. des Charakters ist.

Mit »Benehmen« und »Wesen« pflegen wir nebensonstigen Adjectiven, deren wir uns nur für sie bedienen,auch einige andere zu verbinden. Es sind: »gesittet undsittsam« im Gegensatz zu »sittlich«, und »ehrbar undehrsam« im Gegensatz zu »ehrlich«. Jeder, welcher diedeutsche Sprache kennt, weiss, dass von diesen beidenGegensätzen das erste Glied nur auf das Benehmen undWesen, das zweite nur auf den Charakter Anwendungfindet. Sittsam ist das Mädchen, welches bereits in seiner