Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
35
Einzelbild herunterladen
 

Die Sprache. Die Sitte: Benehmen, Wesen. 35

Deutsche seine »Huldinnen, Huldgöttinnen«, von hold (=geneigt; das »hold und gewärtig« des Lehnseides, Grund-holden) das Holde und holdselig. Es ist also die Huld,welche schön, holdselig macht. Das zweite Beispiel istdie Ableitung des »Lieblichen« und des »Liebreizes«, alsodes ästhetisch Schönen von »Liebe«, die Liebe wie dasWohlwollen machen den Menschen schön.

Abgesehen von diesen zwei Fällen, beschränkt aberdie deutsche Sprache den Gesichtspunkt des ästhetischSchönen ausschliesslich auf die äussere Forin des Handelns:den Anstand. Der Anstand gilt ihr als Inbegriff, als Kanondes durch die Sitte vorgeschriebenen Benehmens, und siebedient sich zur Bezeichnung seiner verpflichtenden Kraftdes Ausdrucks: Gesetz (Gesetze des Anstandes) und Pflicht(Anstandspflichten, auch Ehrenpflichten). Für das dem An-stand oder der Sitte entsprechende Handeln hat sie zweiAusdrucke, deren sie sich in Anwendung auf das Sittlicheoder das Becht nie bedient, da beide lediglich das reinAeusserliche der Erscheinung zum Gegenstande haben:Benehmen (Tournüre) und Wesen. Niemand, der sichim Deutschen correct ausdrücken will, spricht von einemunsittlichen, egoistischen oder selbstverleugnenden, sitt-

mal ein recht schlagendes Beispiel dafür, wie Unrecht die Etymo-logen thun, wenn sie, wie hier geschehen (s. darüber Curtius S. 120),bei ihren etymologischen Ableitungen das sachliche Moment garzu gering anschlagen. Die Uebereinstimmung der im Text nach-gewiesenen Auffassung der deutschen Sprache mit der griechischenund lateinischen zeigt, dass wir es hier mit einem Gedanken vontiefer psychologischer Wahrheit zu thun haben.

3*