34 Kap. IV. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
Form des Benehmens. Anstand ist dasjenige, was demManne »wohl ansteht«, ihn schmückt, ihn ziert, ihmgut sitzt wie ein gut angepasstes, angemessenes Kleid(daher: passendes, unpassendes, angemessenes,unangemessenes Benehmen). Das Anständige ziert,das Unanständige verunziert. Diese Doppelbedeutung desSchmuckes, der Zierde und des Sichziemens liegt auchdem lateinischen decel, decus und dem griechischennrpsTiov zu Grunde, nur dass beide Sprachen dabei denGesichtspunkt des ästhetisch Schönen ungleich weiter er-strecken als die deutsche (siehe unten). Die griechischeSprache geht sogar so weit, den ästhetischen Gesichtspunktdes Schönen selbst auf die Tugend anzuwenden und siet6 xaXöv zu nennen. Unsere deutsche Sprache hat denGesichtspunkt, so weit ich habe finden können, nur inzwei Fällen auf das Tugendgebiet übertragen. Es ist ein-mal der schöne Gedanke, in dem sie sich mit der grie-chischen und lateinischen begegnet, dass das Wohlwolleneinen verklärenden, ästhetisch schönen Beiz über dasganze Wesen des Menschen verbreitet. Das Wohlwollenist die Mutter der Grazien. Von X<*P^ ( == Gunst, Huld)bildet der Grieche die Göttinnen des Liebreizes: dieCharitinnen (^apirs;), von dem sinn- und sprach verwandtengratia*) der Bömer seine Grazien (gratiae), von »Huld« der
*) Ueber die sprachliche Verwandtschaft beider s. G.'Curtius,Giundzüge der griechischen Etymologie, Aufl. 4. S. 198: Wurzelclwr, daher ^aipm ich freue mich, ydpi? Gunst, u. a. m., gralus,wohlwollend, geneigt, gralia Gunst, Wohlwollen. Es ist dies ein-