Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
33
Einzelbild herunterladen
 

Die Sprache. Die Sitte. Aesthetischer Gesichtspunkt. 33

Ritters. In fast allen modernen Sprachen erscheint seineWeise als Vorbild der feinen Form, daher: ritterlich,chevaleresk, Cavalier (vom lat. caballus = Pferd, dahercabalero, cavalliero, cavaliere, Chevalier, chevaleresque),nur dass die Vorstellung, welche die Sprache dabei imAuge hat, über die blosse Form des Benehmens hinausgehtund auch die Gesinnung mit umfasst.

Auch »Mode« schliesst sich diesem Vorstellungskreisean. Auch sie ist eine Form, die sich im Leben ausgebildethat, nämlich die übliche Form in Bezug auf die Gegen-stände, deren man sich für sein persönliches Bedürfnissbedient, insbesondere die Kleidung. Das Wort stammtvon dem lateinischen modus = Mass und Art, letzteresvon der Sanskritwurzel ma = messen, von der auch mos= die Sitte, d. i. das Mass des Handelns, abslammt (s. obenS. 26, Note).

Alle Schönheit beruht auf der Form, und damit ge-winnen wir einen neuen wichtigen Gesichtspunkt für dieSitte, es ist der des ästhetisch Schönen. Die Sprachewendet ihn nur auf die Sitte, nicht auf die Moral an. DerAusdruck, mittelst dessen sie es thut, ist Anstand. Nie-mand bezeichnet eine sittliche That oder Tugend z. B.Dankbarkeit, Selbstverleugnung, Wahrheitsliebe als an-ständig, Niemand einen sittlichen Mangel: Lügenhaftigkeit,Grausamkeit, Rachsucht als unanständig. Dieser beidenAdjectiva sowie des Substantivums Anstand bedienen wiruns nur für die äussere, durch die Sitte vorgeschriebene

v. Jhering, Der Zweck im Kecht. IL 3. Aufl. 3