28 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
und durch Vermittlung der Normannen die englische Sprachedas Wort coutumes und customs gebildet, wobei aber diestrenge Scheidung zwischen Sitte und Gewohnheitsrechtaufgegeben, und derselbe unbestimmte Begriff herausge-kommen ist, den das lateinische mores ausdrückt. Es be-währt sich auch an diesem sprachlichen Vorgange wiederumdie Flüssigkeit des Unterschiedes zwischen Sitte und Ge-wohnheitsrecht, die ich unten bei Gelegenheit des Verhält-nisses von Recht und Moral ausführen werde.
Fassen wir das gewonnene Resultat zusammen, soimplicirt der Begriff der Sitte zwei Momente: das derAllgemeinheit (Sitte = Volkssitte) und sodann desRichtigen (Sitte = Norm). Das erste Moment der All-gemeinheit ist die Quelle des zweiten, die verbindendeKraft der Sitte beruht darauf, dass sie durch das allge-meine Handeln des Volks als richtig und nothwendig er-probt worden ist.
7. Sprachliche Abgrenzung der Sitte vomSittlichen.
Die Sitte bildet sprachlich und sachlich den Aus-gangspunkt des Sittlichen, aber sie enthält nur den Aus-gangspunkt, nicht das Sittliche selber, letzteres ist viel-mehr sprachlich wie sachlich von der Sitte genau zuunterscheiden. Eine Handlung kann gegen die Sitte Ver-stössen, aber sie ist darum noch nicht unsittlich, un-moralisch. Ob die Sprache, indem sie beides genau unter-