Die Sprache. — Die Sitte. — Unterschied von Gewohnheit. 23
nicht, und damit ist der Gegensatz derselben zur Sittegekennzeichnet.
Auf diesem inhaltlichen Moment der Sitte, dass siedie gute ist, beruht die Eigenschaft ihrer verbindendenKraft. Sie erhebt den Anspruch einer Norm, die Jeder fbefolgen soll , deren Nichtachtung mithin Tadel, deren IBefolgung Anerkennung verdient. Daher Unsitte =schlechte Sitte, ungesittet, sittenlos = ohne guteSitten, sittsam, gesittet, sittlich = der guten Sitteentsprechend.
Die Gewohnheit dagegen schliesst nicht das Momentder Norm in sich. Niemandem wird es zum Vorwurf ge-macht, andere »Gewohnheiten« zu haben, als die Mehr-heit, die Gewohnheit zu »übertreten«, gegen sie zu »Ver-stössen«, ja während sämmtliche von Sitte gebildetenAdjectiva ein Lob enthalten, hat das von »Gewohnheit«gebildete »gewöhnlich« die Bedeutung des Geringschätzi-gen, ein »gewöhnlicher« Mensch ist ein mittelmässiger, ein»ungewöhnlicher« ein hervorragender Mensch.
Wie gelangte die »Sitte« zu dieser Nebenbedeutungdes Guten und Verpflichtenden? Das vermittelnde Gliedist das Volk: Sitte ist ursprünglich gleich Volkssitte:Zwar bedienen wir uns heutzutage des Ausdrucks auchwohl für das Individuum im völlig gleichen Sinne mit Ge-wohnheit, allein dies ist nicht der ursprüngliche Sinndes Wortes, was nicht bloss aus den oben mitgetheiltenderivativen Adjectiven, sondern auch aus anderen An-