Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
22
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22 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.

sich dauernd niedergelassen, sich gesetzt, festen Wohnsitzgenommen hat. Die Gewohnheit vergegenwärtigt uns dieUebertragung der Idee des Besitzes auf das Handeln. DerBesitz als solcher ist lediglich etwas Aeusserliches, er kannein rechtmässiger oder unrechtmässiger sein. Ganz das-selbe gilt auch von der Gewohnheit, es gibt gute undschlechte Gewohnheiten. Der Begriff der Gewohnheit ver-hält sich ebenso wie der des Besitzes gegen das Momentder innerlichen Qualification völlig indifferent. Dem Besitzesteht gegenüber das Eigenthum als Zustand der recht-mässigen Aneignung. Derselbe Gegensatz waltet ob zwi-schen Gewohnheit und Sitte. Die Gewohnheit hält sichan das rein Aeusserliche, sie führt uns bloss den Körperdes continuirlichen Handelns, das Gefäss vor Augen, ohnealles Urtheil über den Inhalt. Die Sitte dagegen drücktzugleich ein Urtheil über den Inhalt aus, nämlich dass erein guter sei. »Sitte« schlechthin ist die gute Sitte. DieAbweichung von der Sitte wird bezeichnet als »Verstoss«,als »Uebertreten« der Sitte, es liegt darin der Vorwurf,dass etwas geschehen ist, was hätte unterbleiben sollen.Von der Gewohnheit bedienen wir uns dieser Ausdrücke

gewohnt, giwennan, giwenjam = gewöhnen, altnordisch: venja =Sitte, vinja = Weide, wonen = wohnen, althochdeutsch: Kiwona-heit, Kawohnaheit, altsächsisch: gowonohod, mittelhochdeutsch:gewonheit. Weigand will gewon auf ein nicht mehr existirendesWurzelverbum vinan (Leo Meyer a. a. 0.: vunan) zurückführen,welches »sich freuen« bedeutet habe, und woher auch wunna =Wonne kommen soll.