Druckschrift 
2 (1883)
Entstehung
Seite
20
Einzelbild herunterladen
 

20 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.

worauf sie dieselbe verweigert; wie der Inquirent beimVerhör werden auch wir uns sorgsam zu hüten haben,etwas hineinzutragen, was die Sprache nicht aussagt.

5. Rückgriff vom Sittlichen zur Sitte.

Das Wort »sittlich« weist uns sprachlich auf »Sitte«zurück. Nach den Untersuchungen der neueren Etymo-logie*), welche die früher übliche verlockende Ableitungder Sitte von Sitzen (sitta, sitja, sittjan, sittan) als gänz-lich unhaltbar verworfen hat, stammt Sitte (gotisch sidu,sidus, althochdeutsch sito, situ, mittelhochdeutsch site) vondem altindischen svadhä = Gewohnheit, das man auf sva= suus und dhä = setzen, machen, thun, zurückgeführthat, und das also: Zu eigen machen, Aneignung, EigenheitEigenthümlichkeit bedeuten würde. Von demselben sva-dhä bildete die lateinische Sprache con suetudo (sveth,suescere), die griechische eöoc, rfloc (sueth, eth), alle dreiSprachen würden also ihre Ausdrücke für Sitte trotz derfür den Nichtkenner gar nicht mehr erkennbaren Ver-wandtschaft einer und derselben sprachlichen Wurzel undeiner und derselben Vorstellung: der des Zu-eigen-machensentlehnt haben.

Das Zu-eigen-machen der Sitte geschieht durch be-ständige, unausgesetzte Wiederholung derselben Handlung,

*) Ich verweise auf die Zusatzausführungen von Leo Meyer(Dorpat) in Alexander von Oettingens Moralstatistik und christ-liche Sittenlehre, Bd. 2, Erlangen 1873, S. 49 Anmerkung.