18 Kap. IX. Die sociale Mechanik. Das Sittliche.
■zieht ein. Käme die Urzeit, der wir unsere heutige Spracheverdanken, zurück, sie würde den Sinn der meisten, aufdas Uebersinnliche gerichteten Worte kaum wiederer-kennen — Gott, Tugend, Weisheit haben in unserm Mundeeine gänzlich andere Bedeutung als in dem unserer Vor-fahren.
Sache der Sprachforschung ist es, neben dem Wechselder Sprachformen auch diese innere Fortbildung der Be-griffe, das allmähliche Wachsthum der Ideen zu verfolgen.Es ist ein Zweig der Sprachforschung, der, zur Zeit nochwenig ausgebildet, erst von der Zukunft und zwar mehrvon den Philosophen als von den Linguisten seine Aus-beutung zu erwarten hat. Er wird uns auch über dieGeschichte der sittlichen Ideen überraschende Aufschlüssegeben. Soviel vermag ich schon nach den geringen Er-fahrungen, die ich, der reine Dilettant auf diesem Gebiete,gemacht habe, mit aller Sicherheit vorauszusagen. MeinWissen reicht nicht so weit, um diese Aufgabe für dasSittliche zu lösen, ich muss mich damit begnügen, diebeiden Endpunkte des sprachlichen Entwicklungsprocessesnamhaft zu machen: den ersten Ausgangspunkt, den dieEtymologie aufbewahrt hat, und den gegenwärtigen Sprach-gebrauch, den ich selber aus dem Leben kenne — wasin die Mitte fällt, ist Gegenstand der philosophisch-histo-rischen Sprachforschung. Ich beneide sie um die Auf-schlüsse, die sie hier gewinnen wird. Erst der in diesemSinne vorgehenden, sämmtliche Sprachen in den Kreis