Die Autorität der Sprache in Dingen des Sittlichen. 17
verbunden hat. Wer die Sprache meistern will, soll sichdrei und vier Mal vorsehen; nach meinen bisherigen Er-fahrungen fällt der Vorwurf, den er ihr macht, regelmässigauf ihn selber zurück.
Indem ich mich durch diesen Gesichtspunkt leitenlasse, richte ich mein Augenmerk in erster Linie auf dieSprache, um festzustellen, was sie sich unter dem Sittlichendenkt. Nach den Erfahrungen, die ich sonst überall, woich die Sprache um Rath gefragt habe, mit ihr gemachthabe, und die mich stets über den wunderbaren Trefferder Sprache haben staunen lassen, trete ich auch diesesMal mit der Erwartung an sie heran, in ihr das Richtigezu finden und nicht in die Lage kommen zu sollen, siezu meistern.
Zwei Anhaltspunkte bietet uns die Sprache dar, umuns der Vorstellungen, die sie mit ihren Ausdrücken ver-bindet, zu bemächtigen: die Etymologie und den Sprach-gebrauch. Jene nennt uns den historischen Ausgangspunktder Vorstellung. Auch für das Uebersinnliche besteht erregelmässig-in einer sinnlichen Vorstellung, denn mit demSinnlichen hat alles Denken begonnen. Der Sprachgebrauch,beziehungsweise die Geschichte desselben lehrt uns, wasaus den ursprünglichen Regriffen im Laufe der Zeit ge-worden ist. In dasselbe sprachliche Gefäss schüttet dieeine Zeit diesen, die andere jenen Inhalt, das Gefäss bleibt,der Inhalt ändert sich. Die Worte gleichen Häusern, derenResitzer wechseln, der eine stirbt oder zieht aus, ein anderer
v. Jhering, Der Zweck im Recht. U. 3. Aufl. 2