Unzulänglichkeit von Lohn und Zwang. 9
die Ordnung des Bagno der Galeerensträflinge: gesichert,so lange die Peitsche in Sicht, aufgelöst, so wie sie ausden Augen ist. Die Politik des Egoisten würde sich unterdieser Voraussetzung darauf reduciren, sich den Blickendes Gesetzes möglichst zu entziehen. Sind wir sicher, dassdas Auge des Gesetzes uns nicht wahrnimmt, so könnenwir alles thun, was unser Vortheil, unsere Lust, unsereLeidenschaft mit sich bringt, — das Gesetz, dass uns nichtsieht, existirt für uns nicht, sein Arm reicht nicht weiter,als sein Auge. Bin ich sicher, dass der Gläubiger denBeweis der Schuld nicht führen kann, so leugne ich sieab, treffe ich meinen Feind an einsamer Stelle im Walde,so räume ich ihn aus dem Wege, jedes Verbrechen, dasmir Vortheil bringt oder Genuss verspricht, und von demich sicher bin, dass Niemand mich desselben überführenoder beschuldigen wird, ist dann nicht bloss möglich,sondern vom Standpunkte des Egoismus psychologisch un-abwendlich.
Ich kann den letzten Punkt nicht genug betonen.Setzen wir den Egoismus als einziges Motiv des Menschen,denken wir also die sittliche Gesinnung gänzlich hinweg,so ist bei Hinwegfall des einzigen Gegengewichts, welchesdie Aussicht auf Strafe und Zwang dem Egoismus ent-gegensetzt, die Begehung aller Handlungen, welche sichvom Standpunkte des Egoismus aus empfehlen, psycho-logisch ebenso nothwendig und unabwendlich, wie derFall des Körpers, wenn der Stützpunkt, der ihm bisher