298 Zustände in Fersien.
hätte; es fehlen ihm hierzu Thatkraft und Ausdauer. KurzeGlanzperioden, wie die eines Abbas oder Nadir Schah be-weisen eben nur die Fähigkeit einzelner Männer, sich überdas Niveau des Gewöhnlichen zu erheben, nach ihrem Todesinkt alles in den früheren Zustand zurück, wo nicht tiefer.Wenn europäische Zeitungen von Reformen in Persiensprechen, so beweist dies nur ihre gänzliche Unkenntnisspersischer Zustände; und das Reuter'sche Project, Persienin Generalentrepise zu nehmen, war lediglich eine Specula-tion auf das Geld leichtgläubiger Europäer. Dass dieserSchwindel ein schleuniges Ende finden würde, war voraus-zusehen, und man muss dem Schah Dank wissen, dass ersein Wort brach, ehe das stets leichtsinnige Europa seingutes Geld dem Baron Reuter hergegeben hatte. Der volks-wirthschaftliche Zustand des Landes ist ein überaus trau-riger; ein regenloses Jahr führt unrettbar Hungersnoth imGefolge, der selbst die reiche Ernte der benachbarten Pro-vinz nicht abhelfen kann, da Wege und Transportmittelfehlen. Der Bauernstand ist schwer bedrückt und gänzlichverarmt;- was würde es ihm nützen, Vorräthe zu sammeln,da sie doch nur die Beute habgieriger Beamter werdenwürden? Eigentliche Industrie ist nicht vorhanden (dieTeppichweberei ist lediglich Hausindustrie), und wo sichvielleicht in einer Stadt Wohlstand zeigt, da wird er durchdie Regierung prompt unterdrückt. Der Beamtenstand istganz unglaublich depravirt — eine merkwürdige Analogiezwischen dem uncivilisirten Persien und dem übercivilisirtenAmerica. Niemand hat das jetzige Persien treffender ge-schildert, als der biedere Olearius, der es im siebzehntenJahrhundert als Gesandter eines Herzogs von Holstein be-suchte; er schliesst sein Tagebuch mit den Worten:
„Ich habe Persien in Persien gesucht,
„Und habe meinen Weg wohl hundertmal verflucht."