Gedä'chtnifsrede auf Leopold von Ranke. 17
vor und nach 1860 entstandenen Schriften, die französische und die eng-lische Geschichte, stehen in dieser Beziehung gegen die frühere deutscheGeschichte zurück; immer werden auch hier die hervorragenden Persön-lichkeiten in lebendiger Anschaulichkeit vorgeführt, und ihr Verhaltennach den auf sie wirkenden Umständen und Einflüssen erläutert; dabeibricht hier auch noch bei besonders gräfslichen Vorfällen ein entschiede-ner sittlicher Zorn hervor, bei der Bartholomäusnacht z. B. oder der Auf-hebung des Edicts von Nantes. Die Regel aber bildet das Streben nachunbedingter Objectivität, der Wunsch, über dem Streite der Parteien zustehen und, wie Ranke es einmal ausdrückt, ihn zu begreifen — womitdenn für die historische Betrachtung die Schärfe der Gegensätze aufge-hoben wäre. So wird Carl I. von England in der Entwicklung seinerLaufbahn ebenso „begriffen", wie Oliver Cromwell in der seinigen: per-sönlich war Ranke ein begeisterter Royalist, aber als Historiker knüpfter an die Hinrichtung König Carl's kein Wort des Tadels, sondern einesehr gelassene Untersuchung, in wie weit jener den Titel eines Märtyrersverdiene. Ebenso ist er, der alte Bekämpfer aller radicalen Theorieen,in einer spätem Schrift bereit, den Jacobinern von 1792, als den Die-nern der Idee der Nationalsouveränität, die Berechtigung zum kriegeri-schen Angriff auf das monarchische Europa einzuräumen. Wie sehr jetztdie Betonung der einzelnen Persönlichkeiten gegen die Hervorhebung dergrofsen Gesammtströmungen in den Schatten tritt, zeigt sich auch in denzahlreichen Schriften dieser Jahrzehnte über die preufsische Geschichte.Sie sind erfüllt von Aufhellung bisher dunkler oder unbekannter Punkte,von einer Menge lehrreicher Wahrnehmungen und treffender Gedanken: aberder frühere Meister des geschichtlichen Portraits hat hier Pinsel uud Paletteniedergelegt; die drei Könige, von denen er handelt, werden in ihrer in-dividuellen Eigenthümlichkeit nur so unbestimmt gezeichnet, dafs Frie-drich Wilhelm IL beinahe gleichwerthig mit dem grofsen Friedrich er-scheint. Das gewaltige Schlufswerk endlich unseres Historikers, die Welt-geschichte, zeigt dann das vollständige Obsiegen der seit dreifsig Jahreneingeschlagenen Richtung, unterbrochen nur in einzelnen Partien, wo Aus-arbeitungen der Jugend- und Mannesjahre der Erzählung zu Grunde ge-legt sind. Mit ungeminderter Geisteskraft war Ranke damit Tag aufTag beschäftigt; bis zu dem Augenblicke, wo die völlige Erschöpfung desGedächtnifsreden 1886. I. 3