Druckschrift 
Gedaechtnisrede auf Leopold von Ranke
Entstehung
Seite
16
Einzelbild herunterladen
 

16 H. vonSybel:

bildet die Idee seines Handelns, sondern die Idee bestimmt das Strebendes Menschen. Nicht das Individuum beherrscht die ihn umgebende Ge-sammtheit, sondern deren Geist gestaltet die Schritte des Individuums.Der Mensch, sagte Ranke an seinem 90. Geburtsfeste, ist wie ein Baum,der seine Kraft nicht so sehr aus dem Boden zieht, als sie von Luft undLicht, Wind und Wetter empfängt. Das ist das Bedeutende, dafs dieZeitgenossenschaft eine unendliche Wirkung auf das Individuum übt, undzwar nicht durch persönliche Einflüsse allein, sondern durch den Zugder Dinge, und die einander berührenden Elemente des äufsern und innernLebens in ihrer Gesammtheit." So weicht in seinen spätem Werken dassinnlich-concrete Element der Geschichtsschreibung vor dem idealen undabstracten zurück; die Bedeutung des Individuums wird dem Zuge derallgemeinen Ideen untergeordnet, und demüthig räumt die nachbildendePhantasie der divinatorischen Weisheit die erste Stelle ein.

Die nächste Folge ist eine gewisse Modification in der Form derDarstellung. Wenn die frühern Werke Gemälde in leuchtender Farben-pracht aufstellten, könnte man manche der spätem mit geistreich ent-worfenen und trefflich stilisirten Kreidezeichnungen vergleichen. In denfrühern wird der ideale Gehalt durchgängig nur durch die Gestaltungund Gruppirung der Thatsachen ausgedrückt, in den spätem werden fortund fort die leitenden Ideen, die herrschenden Gedanken, auf die Allesankommt, die Combinationen, auf denen Alles beruht, ausdrücklich defi-nirt. Sodann erscheint die frühere Zurückhaltung im Urtheil über Men-sehen und Dinge noch weiter gesteigert: eine Zeit lang treibt eine Ideedie Ereignisse mit innerer Nothwendigkeit hervor, dann löst eine anderesie ab, und eine jede von ihnen erscheint berechtigt, so weit sie in denErfolgen ihre siegende Kraft bethätigt.

Dies Alles wird nun nicht mit der einseitigen Strenge einer ge-schlossenen Doctrin durchgeführt. Es ist, wie gesagt, ein allmählicherÜbergang; eine feste Zeitgrenze läfst sich um so weniger angeben, alsmehrere der köstlichsten Früchte dieser Jahre, z. B. Wallenstein, DonCarlos, der Ursprung des siebenjährigen Krieges, zwar erst jetzt zur letz-ten Reife und zur öffentlichen Ausstellung gelangten, aber schon seit lan-ger Zeit gekeimt und langsam gezeitigt waren, und somit die volle Fri-sche und Farbe ihres Ursprungs bewahrt haben. Die gröfseren, etwas